Wenn der Körper sich erinnert

Wie kindliche Erfahrungen zu chronischen Mustern werden

Fast alle chronische und degenerative Erkrankungen nehmen ihren Anfang bereits im Kindheitsalter.
Dieser Satz mag zunächst provozieren. Und doch zeigt mir meine tägliche Arbeit mit Menschen, Körpern und Geweben immer wieder genau das: Der Körper beginnt sehr früh, Erfahrungen zu speichern – lange bevor wir Worte dafür haben. Denn das Körpergedächtnis arbeitet jenseits unseres bewussten Erinnerns.

Unfälle, Stürze, Schreckmomente, emotionale Verletzungen, Überforderung, Alleinsein, aber auch scheinbar „banale“ Situationen können Spuren hinterlassen. Nicht im bewussten Erinnern, sondern tiefer – dort, wo der Körper lernt, wie sicher oder unsicher die Welt ist.

Frühlingserwachen in der TCM

Wo der innere Narr aus dem Takt gerät

In der Archetypenarbeit ist die Galle dem Narren zugeordnet.
Der Narr steht für Freude, Lebendigkeit, Neugier, Offenheit und ungebremste Begeisterung. Er geht durchs Leben mit einem inneren Ja – nimmt wahr, was ihm begegnet, und reagiert unmittelbar darauf. Unvoreingenommen. Beweglich. Lebendig.

Solange wir als Kinder in dieser Qualität bleiben können, fließt das Leben durch uns. Doch es gibt Momente, in denen dieser Fluss abrupt unterbrochen wird.

Das Eintrittstor der Galle liegt im Steißbein – einem Bereich, der unscheinbar wirkt und doch hochsensibel ist. Kinder fallen oft auf den Hosenboden. Immer wieder. Schon allein dadurch bekommt dieses Areal Impulse, manchmal kleine Schläge. Und mit jedem Aufprall trifft es symbolisch auch den inneren Narren.

Lassen wir uns als Kind dadurch aus der Ruhe bringen?
In der Regel nicht. Wir stehen auf, lachen, probieren weiter. Wir bleiben in Bewegung.

Jedes Mal bekommt dieser Anteil in uns einen kleinen Stoß – einen kurzen Moment der Unterbrechung. Meist richtet sich das System schnell wieder auf. Der Fluss findet zurück.

Doch nicht immer.

Oft sind es die einschneidenderen Erlebnisse, bei denen etwas in uns innehält. Ein Unfall, Sturz, Situationen, die zu plötzlich, zu überwältigend oder schlicht zu viel waren. Erlebnisse, bei denen ein Teil von uns in der Starre verweilt – manchmal, ohne dass wir uns bewusst daran erinnern.

Wenn der Moment nicht weiterfließt

Bei jedem Ereignis, bei dem wir die Luft anhalten, einsaugen oder erstarren, gerät auch der Narr in eine Starre.
Ein kurzer Schreck. Ein Sturz. Ein Moment von Überforderung. Ein Erschrecken – selbst wenn wir „nur“ Zuschauer sind.

Das autonome Nervensystem reagiert blitzschnell: Kampf, Flucht – oder Erstarrung.
Gerade die Erstarrungsreaktion ist tückisch, denn sie wirkt nach. Was nicht zu Ende gefühlt, bewegt oder reguliert werden konnte, bleibt im Gewebe gebunden.

Schock- und Schrecksekunden können ein Leben lang nachwirken – nicht als Erinnerung, sondern als Spannung, als Unbeweglichkeit, als inneres Festhalten.

Die stille Intelligenz des Gewebes

Der Körper vergisst nichts.
Er speichert Erfahrungen im Nervensystem, im Bindegewebe, in den Zellen. Nicht als Geschichte, sondern als Zustand. Als Spannung. Als Zurückhalten. Als innere Starre.

Auf einer bestimmten Ebene – meist der emotionalen – bleiben solche Erfahrungen wie eingefroren. Das Gewebe hält sie fest. Und mit jedem späteren Erlebnis, das uns – bewusst oder unbewusst – an das damalige Geschehen erinnert, wird diese Starre erneut berührt, manchmal sogar verstärkt.

In meiner Arbeit erlebe ich, dass sich Patient:innen manchmal sofort an Situationen erinnern. Manchmal braucht es Zeit, ein behutsames „Graben“. Und manchmal geschieht etwas anderes:
Allein durch Berührung kommen Dinge hoch, die tief vergraben waren.

Der Körper erinnert sich, noch bevor der Verstand Worte findet. Denn das Gewebe vergisst nie.

Vielleicht wird Ihnen jetzt klar, wie daraus Krankheit entstehen kann.
Denn Bewegung ist Leben. Wo Bewegung eingeschränkt ist, wo Fluss nicht mehr möglich ist, beginnt etwas zu erstarren – oft leise, schleichend, über Jahre.

Heilung beginnt im Körper

Wichtig ist, diese einschneidenden Ereignisse wieder ins Bewusstsein zu holen. Nicht, um sie erneut zu durchleiden, sondern um ihnen einen Platz zu geben.
Das Erlebte lässt sich nicht ungeschehen machen – das damit verbundene Trauma jedoch kann in Heilung geführt werden.

Oft sind es nicht einzelne Erlebnisse, sondern eine Kette von Erfahrungen, die unser System immer steifer werden lassen. Das Nervensystem lernt: Die Welt ist unsicher. Und verharrt in Schutz.

Was sich im Körper manifestiert hat, kann auch nur über den Körper gelöst werden.
Durch achtsame Berührung, Bewegung, Regulation, Präsenz. So kann sich das Nervensystem neu orientieren. Umlernen. Weicher werden.

Und vielleicht darf dann auch der innere Narr langsam wieder auftauchen – vorsichtig zuerst. Mit Neugier. Mit einem kleinen Lächeln. Mit dem Mut, sich wieder zu bewegen.

Manchmal beginnt Heilung einfach damit, dem Körper zuzuhören. Und manchmal braucht dieser Weg Begleitung.
Jemanden, der den Raum hält, während sich das Nervensystem neu orientieren darf.

In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, solche gespeicherten Erfahrungen im Körper behutsam zu lösen und das Nervensystem neu zu regulieren. Nicht, um etwas „wegzumachen“, sondern um wieder mehr Bewegung, Weite und Lebendigkeit zu ermöglichen.

Wenn Sie spüren, dass Sie diese Zeilen berühren, dürfen Sie sich gerne an mich wenden.